Das Kriegstrauma der syrischen Kinder

Bettnässen, Sprachstörungen sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch sind unter syrischen Kindern auf dem Vormarsch, wie unsere neue Studie zeigt.

15.03.2017

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Im Vorfeld des sechsten Jahrestages des Syrienkonflikts (15. März) veröffentlicht Save the Children eine neue Studie – die grösste ihrer Art – zur psychischen Gesundheit der syrischen Kinder.

Zu den Haupterkenntnissen gehören:
 
  • 84% aller Erwachsenen und praktisch alle Kinder geben an, dass Beschuss und Bomben die grössten Stressfaktoren im Alltag syrischer Kinder seien. Die Mehrheit der syrischen Kinder leben in ständiger, teils panischer, Angst vor der Gewalt.
  • 89% aller Erwachsenen sagen, das Verhalten der Kinder sei seit Ausbruch des Krieges nervöser und ängstlicher geworden. 81% beobachten, dass ihre Kinder aggressiver geworden sind.
  • 71% sagen, dass Kinder vermehrt unter Bettnässen und unbeabsichtigtem Wasserlassen leiden.
  • 78% der Kinder fühlen sich immer oder meist extrem traurig.
  • 50% der Kinder geben an, dass sie sich in der Schule selten oder nie sicher fühlen und 40% sagen, dass sie sich beim Spielen nicht einmal direkt vor dem Haus sicher fühlen.

Syrische Kinder verstummen oder flüchten sich in Alkohol- & Drogenmissbrauch

Die konstante psychologische Belastung manifestiert sich unter anderem in Bettnässen, unbeabsichtigtem Wasserlassen in der Öffentlichkeit, Sprachstörungen oder gänzlichem Verlust der Sprachfähigkeit, zunehmender Aggression sowie Drogen- und Alkoholmissbrauch.

Mohammed, ein humanitärer Helfer von Shafak, einer lokalen Partnerorganisation von Save the Children in Idlib, sagt: «Ich befinde mich in einem Gebiet, wo jederzeit Leute sterben könnten. Diese komplette Unsicherheit führt zu einer Vielzahl psychologischer Probleme bei den Kindern. Sie sind ständig gestresst und reagieren auf jedes ungewöhnliche Geräusch – auf die Bewegung eines Stuhls oder das Knallen einer Tür. Die Kinder ziehen sich immer mehr zurück und möchten nicht mehr an unseren Aktivitäten teilnehmen.»

Toxischer Stress stört die Entwicklung des Gehirns und anderer Organe

Experten für geistige Gesundheit urteilen, dass Kinder in Syrien an einem Zustand namens toxischem Stress leiden, ausgelöst durch die Gewalt. Anhaltender toxischer Stress hat lebenslange Auswirkungen auf die mentale und körperliche Gesundheit und wird von Experten als die gefährlichste Form einer Stressreaktion bei Kindern bezeichnet.

Alexandra Chen, Expertin für Kinderschutz und mentale Gesundheit an der Harvard Universität, sagt: «Kinder haben eine grosse Widerstandkraft, aber die wiederholten Traumas, die viele syrischen Kinder erleben, setzen sie einem hohen Risiko für toxischen Stress aus. Das hat verheerende lebenslange Folgen auf die psychische und physische Gesundheit dieser Kinder: Die Entwicklung ihres Gehirns und anderer Organe wird gestört. Das Risiko für Herzerkrankungen, Drogen- und Alkoholmissbrauch und psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen steigt.»

Ömer Güven, Geschäftsführer von Save the Children Schweiz, sagt: «Kinder in Syrien erleben seit sechs Jahren rohe Gewalt – ihre Psyche leidet enorm darunter, wie unsere Untersuchung zeigt. Kinder werfen sich bei jedem lauten Geräusch auf den Boden. Sie haben Angst, draussen zu spielen oder zur Schule zu gehen und machen sich gleichzeitig Sorgen um ihre Zukunft, wenn sie keine Bildung erhalten. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Tragödie weitergeht. Wir können dem toxischen Stress dieser Kinder ein Ende setzen, indem die Bombardierung ziviler Gebiete mit sofortiger Wirkung gestoppt wird und Hilfe – inklusive psychologischer Unterstützung – endlich alle Betroffenen erreicht.»

Neben einem sofortigen Waffenstillstand & dem langfristigen Ende der Gewalt fordert Save the Children:
 
  • Einen sofortigen Verzicht aller Konfliktparteien auf den Einsatz explosiver Waffen in bewohnten Gebieten und einen Stopp aller Angriffe auf zivile Infrastruktur wie Schulen und Spitäler.
  • Einen sofortigen Stopp aller Belagerungstaktiken und uneingeschränkten humanitären Zugang zu allen Regionen.
  • Das Bekenntnis internationaler Geldgeber für die mentale Gesundheit von Kindern während Krisensituationen, inklusive der ausreichenden Finanzierung von Programmen für die mentale Gesundheit und die psychosoziale Unterstützung in Syrien.

Die mentale Gesundheit der syrischen Kinder hängt an einem seidenen Faden. Noch ist es nicht zu spät, zu handeln. Mit einem Ende der Gewalt und mit den entsprechenden Ressourcen können sich Kinder von ihren traumatischen Erlebnissen erholen.

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