Immer mehr Selbstverletzungen unter Flüchtlingskindern in Griechenland

Seit Inkrafttreten des EU-Türkei-Abkommens nehmen Selbstverletzungen und Depressionen unter Flüchtlingskindern auf den griechischen Inseln zu.

16.03.2017

Mehr als 5 000 Flüchtlingskinder stecken seit einem Jahr – seit dem Inkrafttreten des Flüchtlingsabkommens zwischen der EU und der Türkei am 20. März 2016 – auf den griechischen Inseln fest. Die Camps gleichen eher Gefangenen- als Flüchtlingslagern.

12-Jährige versuchen sich das Leben zu nehmen

Ein neuer Bericht von Save the Children (‚A Tide of Self-Harm and Depression‘) zeigt jetzt, wie sich die menschenunwürdigen Zustände auf die psychische Gesundheit der Kinder auswirken: Selbstverletzungen sind auf dem Vormarsch. Mütter entdecken auf den Händen ihrer Kinder – manche gerade einmal neun Jahre alt – selbst zugefügte Schnitte und Narben.

Bereits 12-jährige Kinder versuchen Selbstmord zu begehen, nachdem sie anderen dabei zugeschaut haben, wie sie sich das Leben nahmen. Der Drogen- und Alkoholmissbrauch nimmt zu, weil skrupellose Drogenhändler die Verzweiflung der Jugendlichen schamlos ausnutzen.

«Ich hasse mich selber und ich hasse Europa.»

Kinder haben Menschen sterben sehen, haben den Winter in unbeheizten Zelten verbracht, haben gewaltsame Proteste und verheerende Brände miterlebt. All das wirkt sich auf ihr Verhalten aus, wie Babak, Vater eines 12-Jährigen Knaben, auf Chios bestätigt:

«Das Verhalten meines Sohnes hat sich stark verändert. Er hat solche Angst. Seit das Camp einmal gebrannt hat, kann er nicht mehr schlafen. Er hat Albträume. Mir geht es genau gleich. Ich hasse mich selber und ich hasse Europa.»

Save the Children Mitarbeiter berichten von unbegleiteten Flüchtlingskindern, die 24/7 im Überlebens-modus sind: Sie wechseln sich beim Schlafen in Schichten ab, um einander zu beschützen. Viele unbegleitete Kinder verlassen die Inseln mit Schmugglern oder auf eigene Faust – und verschwinden so gänzlich vom Radar der Behörden.

Kinder werden wie Tiere statt wie Menschen behandelt

Andreas Ring, ein Sprecher von Save the Children in Griechenland, sagt: «Das Abkommen zwischen der EU und der Türkei sollte die irreguläre Migration nach Griechenland stoppen – aber zu welchem Preis? Die mentale Gesundheit der Kinder verschlechtert sich massiv. Wir befürchten, dass sie Langzeitschäden davontragen: schwere Depressionen, Verlustängste, Angstzustände, posttraumatische Belastungs-störungen, sogar körperliche Beschwerden wie Herzerkrankungen und Diabetes.»

«Diese Kinder fliehen vor Gewalt und Krieg – und landen dann in Lagern, die viele von ihnen als ‹Hölle› bezeichnen. Sie sagen, dass man sie wie Tiere statt wie Menschen behandelt. Wenn sich nichts ändert, züchten wir hier eine Generation heran, die absolut abgestumpft ist und glaubt, dass Gewalt normal sei.»

Doch Kinder können sich erholen – je schneller sie Unterstützung erhalten, desto besser. Save the Children betreibt in Griechenland unter anderem kinderfreundliche Räume, wo Kinder Schutz und Stabilität finden und so in ihren Bewältigungsmechanismen gestärkt werden. Doch damit stehen wir auf verlorenem Posten, solange die Lebensumstände der Kinder sich nicht verbessern.

Save the Children fordert die EU und die griechische Regierung dazu auf:
 
  • Die gesetzeswidrige Inhaftierung von Kindern mit sofortiger Wirkung zu beenden.
  • Kinder und Familien von den griechischen Inseln in sichere Unterkünfte zu transferieren, um der Überbelegung und den damit einhergehenden prekären Zuständen auf den Inseln entgegenzuwirken.
  • Zusätzliche Unterkunftsmöglichkeiten für 2 100 besonders verletzliche unbegleitete Minderjährige zu schaffen.
  • Kinder mit psychischen Problemen sofort in Unterkünften zu platzieren, wo sie spezialisierte Hilfe erhalten.