Mangelernährung bei Kindern: Eine schwelende Krise bedroht die globale Wirtschaft

Eine neue Studie von Save the Children zeigt: Familien sind bei der Ernährung zu massiven Abstrichen gezwungen und Kinder müssen vermehrt arbeiten, um das Familieneinkommen zu sichern.
Sunbete, 5 Jahre alt, ist ein Opfer der Hungerkatastrophe in Äthiopien.

15.02.2012
Nach einem Jahr mit rasant steigenden Nahrungsmittelpreisen fördert eine global durchgeführte Untersuchung von Save the Children alarmierende Fakten zu Tage: knapp die Hälfte aller befragten Familien gaben an, zu Abstrichen bei den Nahrungsmitteln gezwungen zu sein. Ein Drittel der befragten Eltern sagten aus, dass ihre Kinder sich darüber beklagten, nicht genug zu Essen zu haben.

Die Studie wurde in Indien, Nigeria, Pakistan, Peru und Bangladesch durchgeführt – Länder, in welchen mehr als die Hälfte aller mangelernährten Kinder leben. Die Untersuchungsergebnisse sind eine Momentaufnahme des Elends, mit welchem Familien in den von Nahrungsmittelknappheit betroffenen Ländern konfrontiert sind. Eine von sechs der befragten Familien gab an, ihre Kinder aufgefordert zu haben die Schule zu verlassen, um mit ihren Einkünften das Familieneinkommen aufzubessern.

In ihrem neuen Bericht „A Life Free from Hunger. Tackling Child Malnutrition“ (Ein Leben ohne Hunger. Mangelernährung bei Kindern bekämpfen) spricht die Kinderrechtsorganisation Save the Children von den grossen Risiken der steigenden Lebensmittelpreise und der Mangelernährung für die globale Entwicklung der Kindersterblichkeit.

Bereits bevor die Nahrungsmittelpreise in die Höhe getrieben wurden, überlebten viele der ärmsten Kinder nur aufgrund einer kargen Ernährung. Diese basierte auf den günstigsten Nahrungsmitteln wie weissem Reis, Mais oder Maniok – allesamt Lebensmittel, mit schlechten Nährwerteigenschaften.

Save the Children warnt davor, dass über die nächsten 15 Jahre eine halbe Million Kinder von physischen und mentalen Entwicklungsstörungen betroffen sein werden, wenn jetzt keine gezielten Massnahmen ergriffen werden.

Die Geschäftsführerin von Save the Children, Jasmin Whitbread, dazu: „Stellen Sie sich vor, Sie wären eine Mutter oder ein Vater, der nicht in der Lage ist, seine Kinder mit den Lebensmitteln zu versorgen, die sie brauchen, um zu wachsen und sich gut zu entwickeln. In den letzten Jahren wurden weltweit grosse Erfolge in der Bekämpfung der Kindersterblichkeit erzielt: von 12 auf 7,6 Prozent. Diese positive Entwicklung wird abreissen, wenn wir in der Bekämpfung der Mangelernährung nicht reüssieren.“

„Mangelernährung kann Kinder dauerhaft schaden, indem sie die Entwicklung von Gehirn und Körper beeinträchtigen“, fügt Whitbread an. „Aber mit einer gezielten gemeinschaftlichen Aktion können wir Lösungen erarbeiten, um diese skandalöse Situation zu beenden.“

Obschon Mangelernährung die Ursache für ein Drittel aller Todesfälle von Kindern unter fünf Jahren ist, wird dem Thema in Kampagnen und bei Investitionszahlungen weniger Aufmerksamkeit geschenkt wie beispielsweise HIV/Aids oder Malaria. Dies hat dazu geführt, dass sich zwar die Kindersterblichkeit durch Malaria seit 2000 um einen Drittel gesenkt hat, die Rate der mangelernährten Kinder in Afrika jedoch im gleichen Zeitraum nur um weniger als 0,3 Prozent zurück ging.

Die Kosten – für Mensch und Wirtschaft – sind riesig. Ein Kind, das chronisch mangelernährt ist, kann einen bis zu 15 Punkte niedrigeren IQ aufweisen, als ein normal ernährtes Kind. Save the Children schätzt, dass die Mangelernährung von Kindern die Weltwirtschaft 2010 111 Milliarden Franken gekostet hat.

Save the Children erläutert, dass ein Paket an einfachen Massnahmen das Blatt wenden und die Vulnerabilität durch steigende Lebensmittelpreise mindern kann. Hierzu zählen die Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Mineralien und Vitaminen, die Förderung des ausschliesslichen Stillens in den ersten sechs Lebensmonaten und bessere Investitionen in Direktzahlungen, welche an die ärmsten Familien gehen.

Save the Children ruft daher alle politischen Machthaber auf, einige simple Massnahmen zur Bekämpfung der Mangelernährung zu ergreifen:

  • Die Krise sichtbar zu machen, indem globale und nationale Ziele zur Reduzierung von verkümmertem Wachstum durch Mangelernährung gesetzt werden.
  • Die Finanzierung für Direktinvestitionen in Ernährungsbereich (z.B. Stillen und Lebensmittelanreicherung) zu erhöhen, um Millionen von Kinderleben zu retten.
  • In effiziente soziale Programme zu investieren, welche gefährdete Familien erreichen und Kleinbauern unterstützen, indem sie sicherstellen, dass deren Agrarpolitik darauf abzielt, die Ernährung zu verbessern.
  • Die G8 / G 20 Treffen zu nutzen, um die politische Führung für die Hungerthematik wachzurütteln und einen konkreten Aktionsplan zur Bekämpfung von Mangelernährung zu entwickeln.

Jasmin Whitbread betont abschliessend: „Jede Stunde sterben täglich 300 Kinder an den Folgen von Mangelernährung, oftmals weil sie schlicht keinen Zugang zu den einfachsten Grundnahrungsmitteln haben, welche wir in den entwickelten Ländern als gegeben betrachten. Durch die Bekämpfung von Hunger und Mangelernährung haben politische Führer die Chance dies für Millionen von Kindern weltweit zu ändern.“


Der Food Report als PDF zum Downloaden: