Nach Befreiung von Mosul: Kinder schwer traumatisiert

Ein neuer Bericht von Save the Children zeigt die immensen psychischen Probleme, unter denen Kinder im irakischen Mosul leiden. Ein Jahr nach der Vertreibung des IS aus der Stadt leiden Kinder unter ständiger Angst und den Erinnerungen an Zerstörung und Gewalt.

13.07.2018
 
Die enorme Belastung der Eltern führt dazu, dass Jungen und Mädchen keine Hilfe mehr bekommen. Das ist das Ergebnis einer Befragung, die Save the Children im Mai 2018 unter mehr als 250 Kindern und ihren Betreuern in West-Mosul unternommen hat. Die Kinder waren  zwischen 13 und 17 Jahren alt.
 
Hunderttausende Kinder leben inmitten von Trümmern und sind zu ängstlich, um ohne ihre Eltern auf die Strasse oder in die Schule zu gehen. Mehr als 80 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen gab an, sich nirgends sicher zu fühlen, wenn sie alleine unterwegs sind. Die Hälfte der Befragten fühlt sich ohne die Eltern unsicher. All das trägt dazu bei, dass Kinder ihre Erlebnisse nicht verarbeiten können.
 
Die zehnjährige Rahaf wurde aus den Trümmern ihres Hauses gerettet, wo ihre Familie durch eine Explosion getötet wurde. Rahaf leidet unter ihren Erinnerungen. Ihr Onkel sagt: „Sobald sie ein Flugzeug sieht, bekommt sie grosse Angst, dass Bomben fallen".
 
Die Kernaussagen des Berichts sind:
 
  • Fast die Hälfte der befragten Kinder empfindet die ganze oder einen grossen Teil der Zeit Trauer.
  • Weniger als jedes zehnte Kind konnte sich an einen glücklichen Moment erinnern.
  • Mehr als ein Viertel der Jugendlichen sagt aus, dass sie sich selbst nie mochten.
  • Die Hälfte der Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren fühlte sich in Abwesenheit der Eltern nicht sicher; 80 Prozent fühlten sich nicht sicher, alleine unterwegs zu sein.
  • Mehr als 80 Prozent der Eltern oder anderen betreuenden Angehörigen gaben an, dass  sie durch schlechte wirtschaftliche Bedingungen und Arbeitsmöglichkeiten, unter Schlafstörungen leiden.
  • 72 Prozent der Betreuer gaben selbst an, sich unglücklich oder deprimiert zu fühlen, und mehr als 90 Prozent beschrieben ein Gefühl der Wertlosigkeit.
Save the Children fragte Betreuer nach den Problemen der Jugendlichen: 39 Prozent berichteten davon, dass Jugendliche sich selbst verletzen, 29 Prozent gaben an, sie wüssten von einer zunehmenden Zahl von Suizidversuchen von Jugendlichen.
 
Viele Eltern sind psychisch so stark belastet, dass die Kinder nur wenig Unterstützung erhalten. Viele Kinder ziehen sich aus ihrem Umfeld zurück und versuchen mit ihren Problemen allein zurecht zu kommen.
 
„Kinder, die allein mit ihren Problemen sind, leiden unter einem schlechten Selbstwertgefühl, Isolation und einem höheren Selbstmordrisiko.", sagt Ana Locsin, Save the Children Länderdirektorin aus dem Irak. "Wenn das Sicherheitsgefühl der Kinder nicht wiederhergestellt wird und die Eltern nicht die nötige Unterstützung erhalten, bleiben die Kinder in ihrer Not alleine und tragen dauerhafte psychische Schäden davon.“
 
Problem: Keine sicheren Schulen
 
Eine weitere Belastung für die Kinder stellt die Rückkehr in die Schule dar. Die Hälfte aller Schulen in den Konfliktgebieten wurde zerstört. Fast ein Drittel der Jugendlichen gab an, sich in der Schule nie sicher zu fühlen. Dies stand im krassen Gegensatz zu den Eindrücken der Erwachsenen: Nur drei Prozent der Eltern gaben an, dass sich ihre Kinder in der Schule nicht sicher fühlten.

„Diese Kinder haben Jahre unter der Herrschaft des IS verbracht. Sie mussten mit ansehen, wie sich ihre Schulen in Schlachtfelder verwandelt haben und ihre Freunde in Klassenzimmer getötet wurden", sagt Locsin. „Die Schule ist für die Kinder kein geschützter Raum mehr. Es fällt den Kindern schwer zu lernen und sich zu entwickeln.“
 
Der zwölfjährige Fahad aus West Mosul besucht eine Schule mit beschädigten Wänden und ohne Türen. „Ich fühle mich nicht nicht wohl hier", sagte er. „Ich sah, wie Scharfschützen auf Kinder und ihre Eltern zielten. Die Schule und die ganze Strasse wurden zur Front.“

Wohlergehen der Kinder in den Mittelpunkt stellen
 
Save the Children fordert die internationale Gemeinschaft auf, das Wohlergehen der Kinder in den Mittelpunkt der Planung für die Zeit nach dem Konflikt im Irak zu stellen, indem sie die Mittel für psychische Gesundheit und psychosoziale Programme aufstockt.
 
Die irakische Regierung muss einen Plan zur psychischen Gesundheit von Kindern und Familien entwerfen, die von dem Konflikt betroffen sind.
 
„Es müssen Massnahmen ergriffen werden, die Kindern bei der Verarbeitung ihrer Erfahrungen helfen. Sie müssen sich wieder sicher und frei fühlen und zur Schule gehen können“, sagt Locsin. „Die Zukunft des Irak hängt davon ab, dass Kinder zu gesunden Erwachsenen heranwachsen.“
 
Den ausführlichen (englischen) Bericht gibt es hier als Download.