Jemen: Jedes 10. Kind vom Konflikt aus seinem Zuhause vertrieben

Innert sechs Monaten floh eine halbe Million Kinder vor den Kämpfen in Hodeidah.
Qadir, Jemen, Vertriebene

31.01.2019
Bild: Qadir, 10 Monate alt, in einem Camp für intern Vertriebene im Lahj-Distrikt im Jemen.

Mindestens eines von zehn Kindern im Jemen (1,5 Millionen) wurde aufgrund des seit vier Jahre dauernden Konflikt aus seinem Zuhause vertrieben. Wir warnen: diese Kinder sind gravierenden Risiken wie Hunger, Krankheit und Gewalt ausgesetzt.

Seit Beginn des Jemen Konflikts im Jahr 2015 wurde mindestens eines von zehn Kindern im Jemen aus seinem Zuhause vertrieben. Alleine in den letzten sechs Monaten sind gemäss den Vereinten Nationen mehr als eine halbe Million Kinder vor dem bewaffneten Konflikt aus der Hodeidah-Region geflohen. Seit letztem Juni sind das im Durchschnitt mehr als 2 000 Kinder pro Tag.
 
Die Zivilbevölkerung ist während ihrer Flucht lebensbedrohlichen Risiken ausgesetzt. Zu den unmittelbarsten Gefahren zählt der Tod durch explosive Waffen. Diese wurden im Jemen-Konflikt von allen Konfliktparteien wahllos eingesetzt – ohne Rücksicht auf ihre völkerrechtliche Verpflichtung, die Zivilbevölkerung im Konflikt zu schützen.
 
Angriffe gegen die Zivilbevölkerung

Berichten zufolge wurden am 23. August letzten Jahres 22 Kinder und vier Frauen getötet, als ein Luftangriff ihr Fahrzeug traf, mit dem sie auf der Flucht vor den Kämpfen in Hodeidah waren. Zudem wurden erst kürzlich in Hajjah mindestens acht Zivilisten in einem Zentrum für vertriebene Familien durch Granatsplitter und Beschuss in der Nähe getötet. Nach Angaben der Organisation ACLED, die sich mit der Analyse von politischer Gewalt und Protesten befasst, wurden in der zweiten Hälfte des Jahres 2018 mindestens 25 Angriffe auf Binnenflüchtlinge verzeichnet.
 
Überleben vertriebene Kinder und ihre Familien die lebensgefährliche Flucht und bleiben von Luftangriffen und Beschuss verschont, stehen sie vor einer weiteren Herausforderung: In den Flüchtlingslagern fehlt es oft an Nahrungsmitteln, an sanitären Einrichtungen und an ausreichenden Hygienestandards. In einem Land, in dem das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist und 14 Millionen Menschen an Hunger leiden, sind Kinder einem enormen Risiko von Mangelernährung ausgesetzt. Schätzungen der Kinderrechtsorganisation Save the Children gehen davon aus, dass seit dem Beginn des Konflikts im Jahr 2015 bereits 85 000 Kinder verhungert sind.
 
Gastgemeinschaften von massivem Zustrom von intern Vertriebenen überfordert

Tamer Kirolos, Länderdirektor von Save the Children im Jemen sagt: «In der grössten humanitären Krise der Welt zählen Kinder, die aufgrund von Kämpfen ihr zu Hause verlassen mussten, zu den verletzlichsten. Sie mussten die Schule abbrechen und sind dem Risiko von Ausbeutung und Missbrauch ausgesetzt. Kinder müssen in den kalten Wintermonaten frieren, da sie nur ungenügend geschützt sind und ihre Familien die Kosten für das Benzin zum Heizen nicht tragen kann. Gastgemeinschaften, die intern Vertriebene aufnehmen, sind ebenfalls selber vom Konflikt betroffen und können den massiven Zustrom von Flüchtlingen nicht bewältigen. Diese Kinder wurden ihrer Grundrechte auf Leben, Gesundheit und einer Bildung beraubt. Sie brauchen dringend Unterstützung.»
 
Zugang von humanitären und kommerziellen Gütern muss sichergestellt werden

Ömer Güven, Geschäftsführer von Save the Children Schweiz sagt: «Wir begrüssen einen Rückgang von Kriegshandlungen im Jemen, nachdem die Kriegsparteien im Dezember einem Waffenstillstand in Hodeidah zugestimmt haben. Die Lage bleibt jedoch weiter angespannt und der Hafen von Hodeidah ist nicht in der Lage, die dringenden humanitären Bedürfnisse von Millionen von Menschen zu decken. Das bedeutet, dass Kinder aus vermeidbaren Gründen sterben – nur, weil lebenswichtige Nahrungsmittel und Medikamente nicht ins Land kommen. Wir haben wenig Grund zur Annahme, dass sich die Situation für Menschen im Jemen – insbesondere für Kinder – gebessert hat.»