Syrien: "Jedes gerettete Leben zählt"

Interview mit Manuel Bessler, Delegierter des Bundes für Humanitäre Hilfe.

Seit Ausbruch des Konfliktes im März 2011 hat sich die humanitäre Lage in Syrien zunehmend verschlechtert. Die Zivilbevölkerung leidet unter den gewaltsamen Auseinandersetzungen, es mangelt an medizinischer Versorgung, Lebensmitteln und Wasser. Mehr als 300'000 Menschen sind in benachbarte Länder geflohen. Wir befragen Manuel Bessler, Delegierter des Bundes für Humanitäre Hilfe, über die Unterstützung der humanitären Akteure vor Ort.
Manuel Bessler im Gespräch mit Save the Children Mitarbeitenden

08.11.2012
Manuel Bessler mit Save the Children Mitarbeitenden im Za'atari Camp, Jordanien.

Manuel Bessler, seit rund 20 Monaten dauert die Krise in Syrien an – ein baldiges Ende scheint nicht in Sicht zu sein. Wie schätzen Sie die humanitäre Lage in Syrien und der Region ein?
Die Lage ist sehr kritisch. Sie wird sich weiter verschlechtern, solange die Feindseligkeiten anhalten. Und durch den nahenden Winter wird alles noch komplizierter. Inzwischen wurden mehrere zehntausend Menschen getötet, vom Konflikt betroffen sind mehrere Millionen. Zudem hat die Krise eine regionale Dimension, die nicht unterschätzt werden darf. Syrien diente lange als Zufluchtsort für palästinensische und irakische Flüchtlinge, nun ist es selber zu einem Land geworden, aus dem die Leute fliehen. Der massive Flüchtlingsstrom – bisher über 360‘000 Personen – stellt Libanon, Jordanien, Irak und die Türkei vor Probleme. Man muss bedenken, dass selbst ein Land wie der Irak mehr als 44‘000 syrische Flüchtlingen unterstützt.

Zugang zu den Menschen in Not in Syrien ist schwierig bis unmöglich, die für Ende Oktober vereinbarte Waffenruhe wurde nicht eingehalten. Gemäss Angaben der Vereinten Nationen brauchen etwa 2,5 Millionen Syrier und Syrierinnen Nothilfe. Wie können humanitäre Akteure, wie die Humanitäre Hilfe der Schweiz, die notleidende Bevölkerung überhaupt unterstützen?
Der Zugang für die humanitären Akteure zu der notleidenden Bevölkerung ist in der Tat schwierig. Dabei spielen nicht nur die Kampfhandlungen und mangelnder Schutz von humanitären Akteuren eine Rolle, sondern auch zahlreiche administrative Hürden. Noch immer hat die Regierung beispielsweise nur einer Handvoll internationalen Nichtregierungsorganisationen die Erlaubnis erteilt, in Syrien tätig zu sein. Sogar die UNO erhält nur wenige Visa für ihre internationalen Hilfskräfte.

Ist angesichts dieser Bedingungen konkrete Hilfe überhaupt möglich?
Trotz all dieser Hürden haben das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, die UNO und ihre Partner bereits Hunderttausende von Bedürftigen erreicht. Um einige Beispiele zu nennen: Seit Anfang 2012 hat das IKRK Lebensmittel und Wasser an über eine Million Menschen sowie medizinisches Material an Spitäler verteilt. Rund 1,5 Millionen Menschen haben Nahrungsmittel vom Welternährungsprogramm erhalten. Die Weltgesundheitsorganisation der UNO hat gesundheitliche Unterstützung für 60‘000 Menschen geleistet. Dank dem Kinderhilfswerk erhalten 23‘000 Kinder psychosoziale Betreuung und schulische Unterstützung.

Diese doch beeindruckende Verstärkung der humanitären Hilfe in relativ kurzer Zeit ist nicht zuletzt möglich dank der zunehmenden Anzahl lokaler Partnerorganisationen, welche die Hilfsaktionen vor Ort umsetzen. Die Humanitäre Hilfe der Schweiz hat dabei Schützenhilfe geleistet, indem sie seit 2010 via das UNO-Entwicklungsprogramm eine NGO-Plattform in Syrien unterstützt. Diese hat zum Ziel, die Rolle der Zivilgesellschaft im Entwicklungsprozess Syriens zu stärken. Die meisten lokalen Partner der UNO gehören denn auch dieser Plattform an.

Aufgrund der Schliessung der Schweizer Botschaft in Damaskus im Februar 2012 musste die DEZA ihr Büro vor Ort ebenfalls schliessen. Wie organisiert sie ihre Aktivitäten seither?
Die humanitäre Hilfe wird nun vom Kooperationsbüro in Amman, das heisst von Jordanien aus, koordiniert. Zur Deckung der dringlichsten Bedürfnisse der Vertriebenen und der Gewaltopfer arbeitet die DEZA eng mit ihren humanitären Partnern zusammen, die in Syrien tätig sind. Fast die Hälfte der 14 Mio. CHF, die für die Krise in Syrien zur Verfügung stehen, wird dazu eingesetzt. Wir unterstützen insbesondere das IKRK, das WFP (Welternährungsprogramm), UNICEF und das UNO-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten. Über den Jesuiten-Flüchtlingsdienst organisiert die DEZA zudem während der Wintermonate in der Stadt Aleppo eine warme Mahlzeit pro Tag für 10‘000 Vertriebene.

Hunderttausende Flüchtlinge, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, sind in benachbarte Länder, wie Jordanien und Libanon, geflohen. Wie hilft die Schweiz diesen Flüchtlingen?
In den Nachbarländern konzentriert die DEZA ihre Tätigkeit auf drei Bereiche: finanzielle und materielle Beiträge an die humanitären Partner, bilaterale Aktivitäten in den betroffenen Ländern durch Programme vor Ort sowie die Entsendung von Expertinnen und Experten des Schweizerischen Korps für humanitäre Hilfe zur Unterstützung der internationalen Organisationen.

Konkret hat die Schweiz zum Beispiel mehrere Programme des Flüchtlingshochkommissariats der Vereinten Nationen und des WFP zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Flüchtlinge finanziert. Die Unterbringung und Ernährung der Flüchtlinge ist keine Kleinigkeit, sondern mit substanziellen Kosten verbunden. Es ist deshalb wichtig, die in der Region tätigen humanitären Organisationen zu unterstützen, damit diese Hilfe ohne Unterbruch fortgesetzt wird.

Die Schweiz leistet in Jordanien und Libanon auch direkte Unterstützung, um den täglichen Zustrom von Flüchtlingen zu bewältigen. In Libanon sind die meisten Flüchtlinge bei Gastfamilien untergebracht, häufig bei Angehörigen. In der Region Wadi Khaled nahe der syrischen Grenze ist dies bei 91% der Flüchtlinge der Fall. Für diese Familien bedeuten die neuen Mitglieder oft eine finanzielle Mehrbelastung, die sie nur schwer verkraften können. Das von der Schweiz unterstützte Projekt «Cash» unterstützt 500 Gastfamilien in Libanon finanziell, womit die Bedürfnisse von 3500 Flüchtlingen gedeckt werden.

Mit Hilfe von Schweizer Expertinnen und Experten und lokalen Partnern werden durch die Gastbevölkerung Entwicklungsprojekte umgesetzt. Beispiele für Projekte sind Schulen, Spielplätze oder soziale und medizinische Einrichtungen.

Trotz der Unterstützung, welche die Humanitäre Hilfe leisten kann, verspüren Sie nicht eine gewisse Ohnmacht in Anbetracht des weiter andauernden Konflikts sowie des Ausmasses der humanitären Bedürfnisse und der immensen Not?
Mit sicheren humanitären Konvois liessen sich die betroffenen Personen einfacher erreichen und ihre Bedürfnisse schneller decken. Leider sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, und das ist frustrierend. Aber trotz aller Schwierigkeiten, die das Umfeld in Syrien birgt, lohnt sich jede Hilfsleistung, auch die kleinste. Nur wenig Spielraum besteht in Hochrisikogebieten in Syrien, grösser sind die Möglichkeiten in den Nachbarländern, wo die Hilfe einfacher zu den Flüchtlingen gelangt. Die Verteilung von Medikamenten und Nahrungsmitteln sowie der Zugang zu medizinischer Versorgung und Trinkwasser sind unabdingbar. Bei ihrer Flucht aus den Konfliktgebieten haben die Flüchtlinge alles zurückgelassen. Sie besitzen nichts mehr, häufig können sie auch medizinische Behandlungen nicht mehr weiterführen. Am meisten leiden ältere Menschen und Kinder. Wir müssen uns darauf konzentrieren, dass jedes gerettete Leben zählt.