Fünf Jahre Krieg im Jemen: Mehr als die Hälfte der Kinder hat Anzeichen von Depressionen

Kurz vor dem fünften Jahrestags des Jemen-Kriegs zeigt eine Studie von Save the Children die verheerenden Auswirkungen des Konflikts auf die psychische Gesundheit der Kinder: Die Untersuchung ergab, dass sich mehr als die Hälfte der jemenitischen Kinder traurig und depressiv fühlt. Fast ein Fünftel leidet außerdem unter ständiger Angst. Save the Children veröffentlicht die Studie inmitten der Sorge um eine Verbreitung des Coronavirus im Jemen, dessen Gesundheitssystem nach fünf Jahren Krieg am Rande des Zusammenbruchs ist.  
Save the Children in Jemen

24.03.2020
 
Am 26. März jährt sich der Jemen-Krieg zum fünften Mal. Die Befragung von Save the Children unter mehr als 1250 Kindern, Eltern und Betreuern zeigt: Diese fünf Jahre Krieg haben verheerende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit einer ganzen Generation von Kindern. Mehr als die Hälfte der Kinder im Jemen erleben Gefühle von Trauer und Depression, 11% fühlen sich ständig traurig und depressiv und 19% sind immer ängstlich.
 
„Angst, Trauer und Verlust – diese Gefühle bestimmen nach einem halben Jahrzehnt Krieg eine Kindheit im Jemen. Das kann nicht ohne Folgen für die Psyche eines Kindes sein“, sagt Ömer Güven, Geschäftsführer von Save the Children Schweiz. „Die Kinder, mit denen wir gesprochen haben, spielen nicht mehr im Freien. Sie nässen sich ein, wenn sie Flugzeuge über sich hören. Wir können unter keinen Umständen zulassen, dass dieser Krieg gegen Kinder weitergeht. Wir fordern alle Konfliktparteien auf, eine politische Lösung zu finden und Frieden möglich zu machen!“
 
Kinder zahlen im Jemen-Konflikt einen besonders hohen Preis. Seit Dezember 2017 wurden mindestens 2047 Mädchen und Jungen getötet oder verstümmelt. Im gesamten Land sind 10,3 Millionen Kinder von Ernährungsunsicherheit betroffen, 2,1 Millionen leiden unter akuter Unterernährung. Mehrere Millionen Kinder mussten vor den Kämpfen fliehen. Das schwache Gesundheitssystem im Land und die schlechten Lebensbedingungen der Kinder führten in den vergangenen drei Jahren außerdem zu 1,2 Millionen Erkrankungen an Cholera, Diphtherie oder Dengue-Fieber.
 
Sollte sich Covid-19 im Jemen ausbreiten, gäbe es kaum Möglichkeiten, das Virus einzudämmen. Das Gesundheitssystem des Landes ist bereits überlastet und die Möglichkeit der humanitären Helfer, die am meisten gefährdeten Kinder medizinisch zu versorgen, ist schon jetzt stark eingeschränkt.
 
„Covid-19 ist eine Pandemie, die schon Länder mit gut ausgerüstetem Gesundheitssystem stark an ihre Grenzen bringt“, sagt Ömer Güven. „Wir fordern deshalb dringend Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung. Regierungen mit Einfluss auf die Konfliktparteien müssen jetzt Druck ausüben und sie an den Verhandlungstisch bringen. Eine politische Lösung ist der einzig nachhaltige Weg, nach fünf Jahren endlich alle Kampfhandlungen zu beenden und das Leiden der Kinder zu stoppen. Diejenigen, die weiterhin Waffen in den Jemen verkaufen, heizen den Krieg an. Niemand kann behaupten 'Wir haben nichts gewusst'. Die Welt weiß ganz genau, was im Jemen passiert und lässt es trotzdem weiterhin zu“, beklagt Güven.
 
Der 14-jährige Eyad* aus Saada sagt: „Als der Luftangriff passierte, rannten wir, die ganze Familie - jeder rannte einfach um sein Leben. In der Panik verloren wir eine meiner Nichten. Danach wollte ich nicht mehr lernen. Ich war immer müde und fühlte mich tot. Man kann sagen, dass ich die Hoffnung verloren habe. Als wir jünger waren, bevor die Luftangriffe begannen, kamen alle Kinder aus dem Haus, wenn wir ein Flugzeug sahen, und sangen: 'Flugzeug flieg, fliegendes Flugzeug', aber jetzt haben wir große Angst vor ihnen.”
 
Eyad* verlor bei dem Luftangriff ein Auge, nachdem er von einem Schrapnell getroffen wurde. Er spielt seitdem gerne Basketball mit einer Konstruktion aus einem Reifen, Metalldraht und einem Seil, die er gebaut hat. Das hilft ihm dabei, mit seiner Angst umzugehen.
 
Der 10-jährige Abed* aus Saada verlor seine beiden älteren Brüder bei einem Luftangriff auf die Apotheke, in der sein Vater arbeitete. Er sagt: „Mein Leben hat sich seit dem Tod meiner Brüder verändert. Wenn ich mich an sie erinnere, bin ich traurig. Zur Ablenkung gehe ich dann spielen oder versuche etwas anderes zu machen. Kinder im ganzen Jemen trauern wegen der Luftangriffe um ihre getöteten Brüder, Väter und Mütter."
 
Save the Children befragte mehr als 1250 Kinder im Alter von 13-17 Jahren, ihre Eltern und erwachsenen Betreuer zur psychischen Gesundheit der Jüngsten.
 
Die Umfrage ergibt, dass:
  • 16 Prozent der Kinder sich nie oder sehr selten entspannen können.
  • Viele der befragten Kinder Anzeichen von Angsterkrankungen wie erhöhter Herzfrequenz, Bauchschmerzen, schwitzenden Handflächen und ein Gefühl des Zitterns haben.
  • Jedes fünfte Kind konstant und täglich Angst hat, 52 Prozent sich nicht sicher fühlen, wenn sie von ihren Eltern getrennt sind und 56 Prozent, wenn sie allein im Freien unterwegs sind.
  • 18 Prozent der Kinder dauerhaft, 51 Prozent zeitweise Trauer empfinden.
  • 36 Prozent der Kinder davon berichten, dass sie mit niemandem in ihrem Umfeld sprechen können, wenn sie traurig oder verärgert sind.
  • 38 Prozent der Betreuer von einer Zunahme der Albträume der Kinder erzählen.
  • 8 Prozent der Betreuenden von einem Anstieg des Bettnässens berichten.
 
Um psychische Belastungen und das Risiko chronischer Krankheiten der Kinder zu reduzieren, hat Save the Children 50 kinderfreundliche Räume im Jemen eingerichtet. Dadurch konnten seit der Eskalation des Konflikts fast 250.000 Kinder unterstützt werden. Ebenfalls werden Betreuer für Kinderrechte sensibilisiert, Resilienz-Sitzungen mit Kindergruppen organisiert und Spezialisten für die Behandlung besonders belasteter Kinder herangezogen. Zusätzlich bietet Save the Children seinen Partnern und Gesundheitsfachkräften Schulungen in psychologischer Erster Hilfe, um Kinder zu unterstützen, die traumatischen Ereignissen ausgesetzt waren.